Der Vampir

von Rose

Du, der du mir das Verlangen und die Sehnsucht in mein Herz getrieben hast
Du, der du mir die Liebe und den Schmerz zugefügt hast
Du, der du mir die Lust und die Leidenschaft gezeigt hast
Du, der du mir deine Zärtlichkeit gegeben hast
Du, der du mir mein Herz gebrochen hast
Du, der du mich um den Verstand gebracht hast
Du, der du in mir die Begierde erweckt hast
Du, der du mich erhört hast
Du, der du mir die Türen in die Welt der Dunkelheit geöffnet hast
Du, der du mir eine Reise auf den Flügeln der Nacht beschert hast
Du, der du mich in die Vergangenheit entführt hast
Du, der du mich zur dunklen Seite der Macht bekehrt hast
Du, der du die Macht über Leben und Tod hast
Du, der du das ewige Leben besitzt
Du, der du mir den Kuss des Todes und ewigen Lebens gegeben hast
Du, der du mir mein Blut ausgesaugt hast
Du, der du mir meine Unschuld genommen hast
Du, der du mich zu einer der deinen gemacht hast
Du, der du mein Blut in dir trägst
Du, der du das Feuer der Leidenschaft besitzt
Du, der du die Kinder der Nacht beschützt
Du, der du mich in das Reich der Toten und Lebenden befördert hast
Du, der du mir den Weg aus dieser Welt gewiesen hast, den Weg zu dir
Dich, dich nenne ich Vampir

Sehnsucht nach dem Kuss

von Carina

Graue Mauern. Ruinen der Macht
Vergessen. Verloren. Wie jede, diese Nacht
Wie eine kalte Stimme aus Stein
Haucht der Wind in die Stille ein
Spür´ Verlangen, Liebe, Lust
Ersehn´ deine Nähe; ersehn´ deinen Kuss
Von der Sehnsucht noch befangen
Merk´ ich, du kommst auf mich zu
Immer näher, Schritt für Schritt
Und die Sehnsucht findet keine Ruh´
Vor mir stehst du nun
So lieb, doch ohne Licht
Auch wenn du selbst so schrecklich bist
fürchten will ich dich dennoch nicht
Für ein paar Augeblicke
Sehen wir uns traurig an
Ich versink´ in deinen Augen
Weiß´, dass ich deine Seele nicht finden kann
Ich lege meinen Kopf zur Seite
Schließe meine Augen zu
Weiß´, der Moment ist gekommen
Doch die Sehnsucht findet keine Ruh´
Spür´ deine kalte Hand am Nacken
Streichelt mich lieb und sehr, sehr sanft
Über meine Schulter und meinen Arm
Bis hin zu meiner ruhigen Hand
Drückt sie fest, doch nicht zu stark
Welch´ eine Kraft sich in ihr verbergen mag?
Und jetzt fühl´ ich deine Lippen
Sind an meinem Hals so zart
Wie ein weiches Tuch mich decket
Und doch so kalt, und doch so hart
Scharfe Spitzen, wie Rosendornen
Doch ich merke kaum den Schmerz
Bin zu sehr von Sehnsucht befangen
Still und leise pocht mein Herz
Deine Zähne dringen immer weiter
In meine warme Haut hinein
Werden langsam, bleiben stehen
Bin nun ganz und völlig dein
Langsam auch saugst du mich aus
Nichts ist still im Sehnsuchtsmeer
Fühl die Leere mich überkommen
Doch mein Herz ist trotzdem schwer
Höre meine Atemzüge
Wolfsgeheul – so weit so fern
Rot färbt sich mein Abendkleid
Wie ein kalt blutender Stern
Kraftlos falle ich zurück
Und sink´ in deine Arme nieder
Du lässt mich sanft zu Boden gleiten
Die Sehnsucht ist dahin – Nie wieder
Ich höre deine Schritte
Immer leiser werden sie
Bis sie irgendwann verschwinden
In des Windes Melodie
Da lieg´ ich nun
So leer, so schwach
Müdigkeit zieht über mich
Trotzdem bin ich gedankenwach
Sehe nichts, nur dunkle Tiefe
Weiß nicht was mit mir geschieht
Dauert Minuten; nur kurze Zeit
Bis die Müdigkeit in mir entflieht
Stehe auf und seh´ mich um
Nichts als diese Dunkelheit
Mit ihrer Pracht und ihrer Trauer
Ist so schön und lieblich weit
Ein Lächeln erfüllt mein Gesicht
Rot funkeln meine Augen
Spür Verlangen, große Lust
Will nur noch Blut der Lebenden saugen!
Meine Zähne, weiß und scharf
Ich bin zum Leben erwacht
Die Gier in mir kommt nicht zur Ruh´
Die Ewigkeit beginnt heut´ Nacht!

Satia Te Sanguine

von Algernon Charles Swinburne

 

Wär‘ ich etwas dir nur, ich ertrüge
Die Bande, die mir so schwer,
Doch daß du mich liebst, ist Lüge:
Ich sprenge sie nimmermehr.

O schöne Lippen, o Brüste,
Weiß wie kein Mond und warm,
Zutreibt im Sturm eurer Küste,
Eine Blüte fruchtlos und arm.

Wie Sapphos fiebernde Glieder,
Die, weiß umspielt von Tang,
Mit dem Seeschaum auf und nieder
Sich wiegten im Wogengang-

Wird mein Herz dahingetragen
Von wild mich betäubender See
Und gewinnt nur Seufzer und klagen,
Nur Leid unter Wind und Lee,

Ein Nachen, leer und zerschmettert,
Der irr mit den Wogen schifft,
Siech und umbraust und umwettert,
Eines Herzens nutzlose Trift.

Wo wüten in grausamem Zorne
Die Götter und bohren vorein
Wie Demantspitzen Dorne
Und Qualen? Ins Fleisch? O nein!

Die Zepter, die Folterschmerzen
Sind weich wie der Schaum auf der Flut,
Die Götter kreuzigen Herzen,
Nicht Hände in grausamer Wut.

Jedem andern Schmerz wird Rast,
Er stirbt im Hirn mit dem Sein-
Der unendliche Geist nur fast
Den Puls unendlicher Pein.

Ich möcht den Tod dir geben
So herb, daß die Furcht er vertrieb,
(Denn besser ist sterben als leben)-
Ich wollt‘, du wärst tot, mein Lieb.

Ich wollte vom Blitz dich gefällt,
Verzehrt in flammendem Nu,
Vom treffenden Strahl zerspellt,
Mich tot dir zu Füßen wie du.

Doch könnte mich eines versöhnen:
Wenn dein Herz, ob noch so klein,
Das hungern mich läßt und stöhnen,
Nicht Schlange nur wär‘ oder Stein.

Haß Hunger und Tod gelüsten
Nach Qual nicht mit solcher Gier;
Du bist Taube von Augen und Brüsten
Und doch tötet ein Hauch von dir.

Wie die Pest in vergifteter Stadt
Ob den Toten jauchzt, so du,
Bittet Liebe dich bleich und matt:
Wirf einen Brocken mir zu.

Wie ein zahmes Tier will sie’s machen
Und schmeichelt, doch erntet nur Hohn;
Aus Nadeln so scharf wie dein Lachen
Erhöhst du ein Kreuz ihr zum Lohn.

Stumm duldet sie Dornen und Schwippen
Und schweigend Pfeil und Erz;
Du saugst mit rotschläfrigen Lippen
Ihr feuchtrote Wunden ins Herz.

Du glühst, wie ihr Blut bei dem Saugen
Versiegt und sie sinkt auf den Grund,
Mit unersättlichen Augen
Und unersättlichem Mund.

Du stäuptest sie, gabst den Spöttern
Am Kreuze sie preis und riefst:
Zu den Toten und ihren Göttern
Versenkt in das Meer sie zu tiefst.

Doch so voll du die Leiden ihr maßest,
Sie stirbt nicht; ich sehe sie noch.
Du kamst und gingst und vergaßest,
Ich hoffe: einst stirbt sie doch.

Mein liebes Mädchen glaubet

von Heinrich August Ossenfelder

 

Mein liebes Mädchen glaubet

Beständig steif und feste,

An die gegebnen Lehren

Der immer frommen Mutter;

Als Völker an der Theyse

An tödtliche Vampire

Heyduckisch feste glauben.

Nun warte nur Christianchen,

Du willst mich gar nicht lieben;

Ich will mich an dir rächen,

Und heute in Tockayer

Zu einem Vampir trinken.

Und wenn du sanfte schlummerst,

von deinen schönen Wangen

Den frischen Purpur saugen.

Alsdenn wirst du erschrecken,

Wenn ich dich werde küssen

Und als ein Vampir küssen:

Wann du dann recht erzitterst

Und matt in meine Arme,

Gleich einer Todten sinkest

Alsdenn will ich dich fragen,

Sind meine Lehren besser,

Als deiner guten Mutter?

Hinüber wall ich

von Novalis

Hinüber wall ich,

Und jede Pein

Wird einst ein Stachel

Der Wollust sein.

Noch wenig Zeiten,

So bin ich los,

Und liege trunken

Der Lieb‘ im Schoß

Unendliches Leben

Wogt mächtig in mir

Ich schaue von oben

Herunter nach dir.

An jenem Hügel

Verlischt dein Glanz –

Ein Schatten bringet

Den kühlenden Kranz.

O! sauge, Geliebter,

Gewaltig mich an,

Daß ich entschlummern

Und lieben kann.

Ich fühle des Todes

Verjüngende Flut,

Zu Balsam und Äther

Verwandelt mein Blut –

Ich lebe bei Tage

Voll Glauben und Mut

Und sterbe die Nächte

In heiliger Glut.

Der Werwolf

von Christian Morgenstern

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

,Der Werwolf‘ – sprach der gute Mann,
,der Weswolfs, Genitiv sodann,
,dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,
,den Wenwolf, – damit hat’s ein End‘.‘

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augebälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch ,Wer‘ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Helena

von Heinrich Heine

Du hast mich beschworen aus dem Grab
Durch deinen Zauberwillen,
Belebtest mich mit Wollustglut –
Jetzt kannst du die Glut nicht stillen

 

Preß deinen Mund an meinen Mund
Der Menschen Odem ist göttlich!
Ich trinke deine Seele aus,
Die Toten sind unersättlich.

Die Beschwörung

von Heinrich Heine

 

Der junge Franziskaner sitzt
Einsam in der Klosterzelle
Er liest im alten Zauberbuch,
Genannt der Zwang der Hölle

Und als die Mitternachtstunde schlug,
Da konnt‘ er nicht länger sich halten,
Mit bleichen Lippen ruft er an
Die Unterweltsgewalten

Ihr Geister! holt mir aus dem Grab
Die Leiche der schönsten Frauen,
Belebt sie mir für diese Nacht,
Ich will mich dran erbauen.

Er spricht das grause Beschwörungswort,
Da wird sein Wunsch erfüllet,
Die arme verstorbene Schönheit kommt,
In weißen Laken gehüllet.

Ihr Blick ist traurig. Aus kalter Brust
Die schmerzlichen Seufzer steigen.
Die Tote setzt sich zu dem Mönch,
Sie schauen sich an und schweigen.

Die Braut von Korinth

von Johann Wolfgang von Goethe

Nach Korinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt.
Einen Bürger hofft‘ er sich gewogen:
Beide Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam voraus genannt.

 

Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie böses Unkraut ausgerauft.

Und schon lag das ganze Haus im Stillen,
Vater, Töchter; nur die Mutter wacht.
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht.
Wein und Essen prangt,
Eh er es verlangt:
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

Aber bei dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt;
Müdigkeit läßt Speis und Trank vergessen,
Daß er angekleidet sich aufs Bette legt,
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Tür hereinbewegt.

Denn er sieht, Bei seiner Lampe Schimmer
Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer,
Um die Stirn ein schwarz- und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weiße Hand.

Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause,
Daß ich von dem Gaste nichts vernahm?
Ach, so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier der Scham.
Ruhe nur so fort
Auf dem Lager dort,
Und ich gehe schnell, so wie ich kam.-

Bleibe, schönes Mädchen! ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind,
Hier ist Ceres‘, hier ist Bacchus‘ Gabe,
Und du bringst den Amor, liebes Kind!
Bist vor Schrecken blaß
Liebe, komm und laß
Laß uns sehn, wie froh die Götter sind!-

Ferne bleib, o Jüngling, bleibe stehen!
Ich gehöre nicht den Freuden an.
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen
Durch der guten Mutter kranker Wahn,
Die genesend schwur,
Jugend und Natur
Sei dem Himmel künftig untertan.

Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert.
Unsichtbar wird Einer nur im Himmel
Und ein Heiland wird am Kreuz am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört!

Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht:
Ist es möglich, daß am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht?
Sei die Meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.-

Mich erhälst du nicht, du gute Seele!
Meiner zweiten Schwester gönnt man dich.
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt:
In die Erde bald verbirgt sie sich.-

Nein! bei dieser Flamme sei’s geschworen,
Gütig zeigt sie Hymen uns voraus:
Bist der Freude nicht und mir verloren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen, bleibe hier!
Feire gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitsschmaus!

Und schon wechseln sie der Treue Zeichen:
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silber, kösstlich, wie nicht eine war.
Die ist nicht für mich;
Doch, ich bitte dich,
Eine Locke gib von deinem Haar!

Eben schlug die dumpfe Geisterstunde,
Und nun schien es ihr erst wohl zu sein.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein;
Doch vom Weizenbrot,
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der, wie sie, nun hastig lüstern trank.
Liebe fordert er beim stillen Mahle:
Ach, sein armes Herz war liebekrank!
Doch sie wiedersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.

Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
Ach, wie ungern seh ich dich gequält!
Aber, ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt:
Wie der Schnee so weiß
Aber kalt wie Eis
Ist das Liebchen, das du dir erwählt!

Heftig fasst er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
Hoffe doch, bei mir noch zu erwarmen,
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuß
Liebesüberfluß
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

Liebe schließet fester sie zusammen,
Tränen mischen sich in ihre Lust;
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen,
Eins ist nur im andern sich bewußt.
Seine Liebeswut
Wärmt ihr starres Blut;
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbei,
Horchet an der Tür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sei:
Klag- und Wonnelaut
Bräutigams und Braut
Und des Liebesstammelns Raserei.

Unbeweglich bleibt sie an der Türe,
Weil sie erst sich übrzeugen muß
Und sie hört die höchsten Liebesschwüre,
Lieb und Schmeichelworte mit Verdruß
Still! der Hahn erwacht!-
Aber morgen Nacht
Bist du wieder da? – und Kuß auf Kuß

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen,
öffnet das bekannte Schloß geschwind:
Gibt es hier im Hause solche Dirnen,
Die dem Fremden gleich zu Willen sind?
So zur Tür hinein.
Bei der Lampe Schein
Sieht sie – Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken;
Doch sie windet gleich sich selbst hervor.
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt
Lang und langsam sich im Bett empor.

Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
So mißgönnt Ihr mir die schöne Nacht?
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte!
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ists euch nicht genug,
Daß ins Leichentuch,
Daß Ihr früh mich in das Grab gebracht?

Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht.
Eurer Priester summende Gesänge
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht, wo Jugend fühlt,
Ach, die Erde kühlt die Liebe nicht!

Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus‘ heitrer Tempel stand.
Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen,
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd Euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört,
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermißte Gut,
Noch den schon verlornen Mann zu lieben
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ists um den geschehn,
Muß nach andern gehn,
Und das junge Volk erliegt der Wut.

Schöner Jüngling, kannst nicht länger leben,
Du versiechest nun an diesem Ort!
Meine Kette hab ich dir gegeben,
Deine Locke nehm ich mit mir fort:
Sieh sie an genau!
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort.

Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:
Einen Scheiterhaufen schichte du!
Öffne meine bange, kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh!
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.

Darfst du bei nacht und bei tag

von Stefan George

 

Darfst du bei tag und bei nacht
Fordern dein teil noch du schatten
All meinen freuden dich gatten
Rauben von jedem ertrag?

Bringt noch dein saugen mir lust
Der du das erz aus mir schlürfest
Der du den wein aus mir schlürfest –
Schaudr ich noch froh beim verlust?

Ob ich nun satt deiner qual
Mit meinen spendungen karge?
Zwing ich dich nieder im sarge
Treib ich ins herz dir den pfahl?